[Talk-de] das Prinzip von OpenSource unkompatibel zu OSM?

Frederik Ramm frederik at remote.org
Do Okt 9 15:29:15 UTC 2008


Hallo,

Tobias Wendorff wrote:
> Gerade Du als Dienstleister müsstest verstehen, dass man mit
> ungenauen Daten sich schnell auf den Hosenboden setzen kann
> und massig Fleiß in die Korrektur setzen muss.

Vielleicht habe ich mit anderen Kunden zu tun als Du, aber ich habe 
bislang schon oft gemerkt, dass die Leute weniger an den Daten 
interessiert sind (die sie oft fuer Geld auch kaufen koennten) als an 
der Community und der Hoffnung auf deren Wachstum und kuenftige 
Datenpflege - die Community kann man naemlich fuer Geld nicht kaufen, 
bzw. sie wuerde ein Mehrfaches kosten.

> Für mich war die Teilnahme bei OSM nicht so sehr der Communitygedanke,
> sondern der Datenbankgedanke, die Realität möglichst genau abzubilden.

Ich denke mal, wenig Leute kommen zu OSM mit dem Gedanken: "Oh, eine 
tolle Community, da will ich dabei sein". Die meisten motiviert die Idee 
der freien Datensammlung. Aber "moeglichst genau", ich denke mal, das 
ist jetzt nicht so die oberste Prioritaet fuer die Leute. Die wenigsten 
studieren Raumplanung ;-)

> Erst die Datenbasis korrekt drin haben (Regel 1) und dann die Mehrwerte
> dran "tackern" (Regel 2).

Die Annahme, dass irgendetwas "korrekt" sein koennte, ist glaube ich 
ziemlich vereinfachend.

Auch ist diese Reihenfolge alles andere als selbstverstaendlich. Die 
Information "irgendwo im Umkreis von 500m um diesen Node ist ein 
Krankenhaus mit Notfallaufnahme" ist sicherlich weitaus mehr wert als 
die Information "das Krankenhaus ist ganz exakt an dieser Position, aber 
ob es eine Notfallaufnahme hat, das tagge ich erst spaeter". Gleiches 
gilt, weniger drastisch, auch fuer andere POIs (wichtig ist, ob in dem 
Ort ne Tankstelle ist, nicht, dass ich ICBM-Koordinaten dafuer habe) 
oder sogar lineare Features (wichtig ist, dass die "trunk"-Strasse 
zwischen A-Stadt und B-Stadt ploetzlich nur noch "primary" ist - ob sie 
100m weiter noerdlich oder suedlich verlaeuft, ist schnurz).

> Die Community kann ja trotzdem noch in ihrem Ort aktiv sein, aber
> es geht ja nicht nur die Hauptstraße, die um 20 Meter in unbekannte
> Richtung verschoben ist, sondern um alles andere, was mitverschoben
> ist. Des Weiteren geht auch die Nutzbarkeit des Dienstes in Verbindung
> mit anderen Diensten verloren.

Naja, je nachdem, mit welchen Quellen Du arbeitest, bist Du das eh 
gewohnt. Wenn Du von der Telekom die Telefonzellen-Koordinaten mit einer 
Teleatlas-Karte vermischst, stehen die Haelfte der Telefonzellen auch 
auf der Strasse, oder etwa nicht?

> OSM würde somit zu einer proprietären Lösung werden.

Unzutreffende Wortwahl; "proprietaer" hat was mit Eigentum zu tun. 
Vielleicht ist der Begriff "Inselloesung" passender; und ja, diese 
Gefahr wuerde bestehen, aber ich wuerde das als zum jetztigen Zeitpunkt 
unwichtig betrachten. Wir sind nicht darauf angewiesen, dass 
OpenStreetMap sich mit anderen Diensten kombinieren laesst, das ist zwar 
schoen und eroeffnet viele neue Moeglichkeiten, aber fuer den 
Projekterfolg ist es zweitrangig.

Wenn die Gefahr besteht, dass zu hohe Anforderungen an die Genauigkeit 
der Daten den Spass bei der Erhebung mindern oder Leute mit 
minderwertigem Equipment von der Erhebung ausschliessen, dann muss in 
meinem Augen die Genauigkeit (vorerst) zuruecktreten.

> Nimm es mir nicht übel, aber Du lässt Dich ja auch dafür entlohnen,
> die Daten nachher zu korrigieren und aufzubereiten. 

Das ist jetzt das zweite Mal in diesem Posting, dass Du mich als den 
grossen "Dienstleister" betonst. Ich habe bislang zwar noch keinen 
Auftrag gehabt, bei dem mich jemand gebeten haette, OSM-Daten zu 
"korrigieren", aber es stimmt natuerlich, wenn jemand einen solchen 
Auftrag aussschreiben wuerde, wuerde ich mich darum bewerben. - Mir 
deswegen aber zu unterstellen, ich naehme ungenaue Daten billigend in 
Kauf, um mehr Profit durch deren Aufbereitung machen zu koennen, ist 
eine ziemliche Frechheit, und die Bitte, Dir diese Frechheit "nicht 
uebel zu nehmen", aendert daran wenig.

Auch und gerade als jemand, dessen Lebensunterhalt mit OSM 
zusammenhaengt, habe ich ein grosses Interesse daran, dass das Projekt 
gesund bleibt und gut funktioniert. Meine Interessen sind mit denen des 
Projektes (weitgehend) deckungsgleich. Meiner Ansicht nach ist fuer ein 
gutes Funktionieren und eine stabile Zukunft des Projekts die Community 
primaer und die Datenqualitaet sekundaer.

> Ich möchte dies
> für die Community gleich kostenlos anbieten.

Dagegen ist ja nichts einzuwenden. Ursprung dieses ganzen Threads war ja 
aber wohl, dass einzelne Mitglieder der Community Deinen "Korrekturen" 
eher kritisch gegenueberstanden und diese Kritik so deutlich geaeussert 
haben, dass Du eine Grundsatzdiskussion darueber begonnen hast, wer nun 
grundsaetzlich im Recht ist - also nicht gerade eine Kleinigkeit, wie 
ich annehme. Ist aber alles Spekulation, vielleicht war es ja eben doch 
eine Kleinigkeit, die hier nur aufgebauscht wurde.

Solche Auseinandersetzungen schaden dem Projekt meiner Ansicht nach mehr 
als ein Ort, der 100m daneben liegt. Das Projekt ist keine Datenbank, 
das Projekt sind 60.000 Menschen

Bye
Frederik

-- 
Frederik Ramm  ##  eMail frederik at remote.org  ##  N49°00'09" E008°23'33"




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