[Talk-de] Entscheidungen treffen / Proposal-Prozess

Sebastian Hohmann mail at s-hohmann.de
Di Jan 20 23:17:52 UTC 2009


Hallo,

Vorab: Dieses Thema betrifft natürlich nicht nur die deutsche Community, 
jedoch wollte ich es erstmal hier ansprechen.

Mir ist in letzter Zeit immer wieder aufgefallen, dass es in OSM keine 
Möglichkeit gibt, richtige Entscheidungen zu treffen. Die Admins und 
Programmierer treffen natürlich Entscheidungen bezüglich der Websites, 
der API (wie läuft das eigentlich?) oder der Anwendungen rund um OSM. 
Aber inbesondere das Mapping, die Tags, also letztlich der Bereich der 
OSM am Laufen hält, ist kaum reglementiert.

Im Moment scheint es mir eher so, dass es für alles einen eher 
schwammigen Konsens gibt, aber weniger klare (dokumentierte) Regeln. Was 
allerdings genau dieser Konsens ist und wieviele sich daran halten, ist 
nicht bekannt. Im Wiki ist zwar einiges dokumentiert, aber wirklich 
'offiziell anerkannt' sind die Seiten dort auch nicht (nicht zuletzt 
weil jeder reinschreiben kann was er will). Es mappt also jeder eher 
nach Gefühl, wie es ihm gerade am logischsten erscheint. Bitte nicht 
falsch verstehen: Es ist nichts an der 'Offenheit' von OSM auszusetzen. 
Jeder kann sich gerne neue Tags ausdenken und anwenden oder Dinge mappen 
die sonst keiner mappt. Aber es kann ja irgendwie nicht sein, dass man 
bei Tags die sehr weit verbreitet sind, nicht genau weiß was sie bedeuten.

Das Wiki-Prinzip mag ja funktionieren, aber auch dafür braucht es klare 
Regeln. Denn es kann niemand etwas korrigieren, von dem er nicht weiß 
wie man es 'richtig' macht. Wiegesagt: Es geht nicht darum nur 
irgendwelche 'offiziellen' Tags zuzulassen, sondern die in Benutzung 
befindlichen Tags so zu definieren und zu dokumentieren, dass man sie 
nachträglich auch eindeutig automatisiert interpretieren kann. Man kann 
auch nicht davon ausgehen, dass sich 'das Bessere durchsetzt'. Das 
funktioniert sicherlich bei unterschiedlichen Tags (also sowas wie path 
vs. footway/cycleway), deren Häufigkeit man wunderbar in Tagwatch 
ablesen kann. Aber die Bedeutung geht daraus nunmal nicht hervor. Man 
kann also nicht daraus ablesen, wie oft z.B. ein highway=cycleway mit 
der Bedeutung 'benutzungspflichtiger Radweg' und wie oft mit der 
Bedeutung 'irgendein Weg auf der hauptsächlich zum Radfahren benutzt 
wird' vorkommt.

Ein weiteres Problem, das aber auch mit Entscheidungen zu tun hat, ist 
die Frage nach 'offiziellen' oder 'empfohlenen' Tags, also letztlich den 
Map Features. Auch hier gibt es Unklarheiten, wie diese ausgewählt 
werden oder wer letztlich zu entscheiden hat was in die Map Features kommt.

Laut dem Wiki[1] dient der Proposal Prozess hauptsächlich dazu, Tags für 
die Map Features auszuarbeiten. Also quasi 'offizielle' (oder 
empfohlene) Tags.

Das ist alles schön und gut, aber es gibt folgende Probleme:
- Es machen zuwenig bei Abstimmungen mit um wenigstens etwas 
repräsentativ zu sein.
- Während von einem Teil der Leute die Integration erfolgreicher 
Proposals in die Map Features erwartet wird (also so wie es auch im Wiki 
beschrieben ist), sehen andere in dem Proposal Prozess nichts anderes 
als eine Möglichkeit über Ideen zu diskutieren, wobei ein positives 
Votingergebnis nicht automatisch die Aufnahme in die Map Features 
bedeutet. Dabei kommt es natürlich zu Spannungen, wenn jemand der 
Meinung ist, es gehöre nicht zu den Map Features.
- Es ist nicht klar definiert, wann ein Proposal angenommen ist (und was 
das bedeutet, siehe vorheriger Punkt).
- Da der Proposal Prozess nicht klar definiert oder irgendwie allgemein 
akzeptiert ist und es niemand gibt der mal ein Machtwort spricht, können 
solche Streitereien wie bei smoothness schnell in einem Edit-War oder 
Ähnlichem enden (das bringt niemandem etwas).

Mein Vorschlag:

Den Proposal Prozess hauptsächlich zur Ausarbeitung und Diskussion neuer 
Vorschläge verwenden. Das Voting sollte dabei nur ein Stimmungsbild der 
Interessierten darstellen, um festzustellen ob das Proposal in der 
definierten Form prinzipiell ankommt. Eine erfolgreiche Abstimmung 
sollte die Definition des Proposals festlegen, es sollte also danach 
nicht mehr verändert werden. Die Aufnahme in die Map Features sollte 
zwar vom Voting-Ausgang abhängig sein, aber auch davon ob der Vorschlag 
tatsächlich in Benutzung ist. Das bedeutet eben nicht unbedingt sofort 
nach dem Voting, sondern erst wenn der Tag auch in der Praxis erprobt 
ist. Ob die Aufnahme dann wieder durch ein Voting oder ein Gremium oder 
sowas entschieden wird, müsste man noch überlegen.

Gleichzeitig müssten Accepted Proposals auch für 'normale Mapper' 
leichter zugänglich sein. Also als 'gleichwertige' Tags gelten, die 
bloss aufgrund von geringer Verbreitung oder Wichtigkeit nicht zu den 
'Haupttags' (Map Features) gehören. Beide, Map Features und Accepted 
Proposals sollten aber gleichermaßen eindeutig definiert sein, damit sie 
anständig benutzbar sind.

Bleibt noch die Frage wie schon existierende Features verändert werden 
können. Angenommen man wollte einen Tag genauer oder etwas anders 
definieren (nachträglich natürlich nur im Notfall, um Unklarheiten 
auszuräumen). Wie soll man das machen? Auf der Diskussionsseite des 
Features antwortet meist fast niemand. Zudem wäre eine Diskussion da 
auch nicht wirklich 'offiziell'. Ein Proposal dafür erstellen? Dann 
müsste aber der Proposal Prozess auch richtig definiert und anerkannt sein.

Und was ist wenn die Diskussion zur Ausarbeitung eines neuen Vorschlags 
oder auch insbesondere nachträglicher Veränderung eines Tags zu keinem 
Schluss kommt, weil die Leute vehement ihren jeweiligen Standpunkt 
vertreten? Sollte es dann nicht jemanden geben, der einfach mal 
entscheiden kann?

Stolpersteine für die eindeutige Definition von Tags liegen häufig auch 
in der Internationalität des Projekts. Selbst innerhalb von Deutschland 
gibt es schon heftige Diskussionen über die Bedeutung von Tags, da 
dürfte es noch um einiges schwieriger sein, sich weltweit auf eine 
Lösung zu einigen. Das betrifft natürlich vor allem Dinge, die von 
nationalen Gesetzen oder sonstigen Umständen abhängig sind, wie z.B. 
Zugangsbeschränkungen. Letztlich wäre es aber wichtig überhaupt mal zu 
einer Entscheidung zu gelangen. Sei es mit nationalen Regeln, die 
notfalls dann für die weltweite Benutzung erst umgewandelt werden 
müssten. Wobei manche Unterschiede sicherlich nicht so gravierend sind. 
Man sollte aber trotzdem anhand der Daten wissen, was einem in der 
Realität in etwa erwartet. Bei von Natur aus eher subjektiven Dingen wie 
'die Wichtigkeit von Straßen' eben mit etwas mehr Toleranz, bei Dingen 
die eigentlich klar definiert werden könnten wie Zugangsbeschränkungen 
sollte man ein Fahrrad aber schon von einem Auto unterscheiden können.

Gruß,
Sebastian


[1] http://wiki.openstreetmap.org/wiki/Proposed_features




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