[Talk-de] Kreuz Werl - seltsame Spurnutzung

Roland Olbricht roland.olbricht at gmx.de
Di Okt 15 11:06:24 UTC 2019


Hallo Michael,

> Was für eine Geschwindigkeit sollte vom routing bei signals angenommen
> werden?

Kurzfassung: Ich würde mir
120 km/h für maxspeed=signals  und
  80 km/h für highway=motorway_link
wünschen.

Zu maxspeed=signals kenne ich viele der Anlage in NRW
https://overpass-turbo.eu/s/N9k

Auf dem Kölner Ring und der A46 bin ich regelmäßig und auch zu allen
Tageszeiten unterwegs. Dort sind tatsächlich niemals mehr als 120 km/h
ausgewiesen. Auf der Anlage auf der A1 bei Dortmund gibt es vereinzelt
auch die Richtgeschwindigkeit.

Es gibt aber auch prinzipielle Überlegungen: in Deutschland kann wegen
der Richtgeschwindigkeit vernünftigerweise keine Autobahn mit mehr als
130 km/h berechnet werden. Die Definition der Richtgeschwindigkeit
besagt ja, dass der Betreiber der Autobahn auch bei günstigen Wetter-
und Verkehrsverhältnissen eine höhere Geschwindigkeit für gefährlich
hält. Insofern sollte ein guter Router auch niemanden zu gefährlichem
Verhalten verleiten. Die 120 km/h sind also selbst bei Anzeige von
Richtgeschwindigkeit nur geringfügig zu langsam bemessen.

Umgekehrt wird eine niedrigere Geschwindigkeit als 120 km/h
hauptsächlich dann angezeigt, wenn Staus oder schlechten Verkehrs- oder
Wetterverhältnissen vorgebeugt werden soll. Das ist aber außerhalb des
Anspruchs eines Routers mit statischen Daten. Ein Stau-Modell haben wir
auch nicht für Autobahnen mit fixem Limit. D.h. wer in der
Hautverkehrszeit Routen berechnet, wird für realistische Zeiten ohnehin
einen Router mit Echtzeitdaten oder sogar Prognosemodell bemühen wollen.
Von daher fällt auch die Abweichung nach unten nicht groß ins Gewicht.

Zu den Rampen, also highway=motorway_link: Das Konzept der
Selbstverantwortung ist überraschend prominent in der deutschen
Verkehrsordnung. Geschwindigkeitbegrenzungen dienen vorwiegend dazu,
eine Fremdgefährdung auszuschließen. Ich kenne durchaus enge
Linkskurven, vor denen das Geschwindigkeitslimit aufgehoben wird, obwohl
man schon das praktisch nicht fahren kann. Linkskurve heißt: man fährt
nur sein eigenes Fahrzeug in den Abgrund. Das formale
Geschwindigkeitslimit ist also nicht automatisch die vernüftigerweise
oder selbst realistischerweise fahrbare Geschwindigkeit.

Verbindungsrampen werden oft mit Entwurfsgeschwindigkeiten von 40 km/h
bis 60 km/h konzipiert. Schaut man sich die Kurvenradien der Kleeblätter
am Autobahnkreuz in Werl an, so sind dort auch eher 40 km/h oder weniger
konzipiert worden. Ein explizites Schild gibt es an solchen Kurven nur
vereinzelt (speziell Werl kenne ich nicht, bei anderen Autobahnkreuzen
gibt es beide Fälle), aber OSRM hat meines Wissens auch keinen
Präprozessor, der Kurvenradien auf Geschwindigkeitsgrenzen umrechnet.
Damit bleibt außer dem Tag highway=motorway_link aus Sicht der Routers
kein besserer Indikator.

Entsprechendes gilt für die Verflechtungsstreifen. Auch dort ist zwar
kein Limit ausgewiesen, aber die Gefahr langsam auffahrender Fahrzeuge
und das nötige Bremsmanöver zum Abbiegen bedeuten, dass auch dort
effektiv Geschwindigkeiten von weniger als 80 km/h gefahren werden können.

Von daher würde ich für einen Router nach aktuellem Stand der Technik
(Auswertung von Tags im Kantenmodell, keine Kurvenradien, keine
Erkennung von Verflechtungsstreifen, kein probabilistisches Staumodell)
die beiden Limits empfehlen. In über 95% der Fälle wird man damit den
real sinnvollsten Weg mit einer bis auf Stau nahezu korrekten Zeit
bestimmen können.

Viele Grüße,

Roland




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